Everytime
24.4.07 09:44


Hiiii...

*** Steckbrief ***

Name: Julia

Rufname: Julsy

Wohnort: Schweiz, Luzern... (noch)

Alter: noch 16...

Grösse: 1.83m

Gewicht: das Höchste war 70Kg...das NiedrigsTe 65Kg

Haar: DunkelBlond, sehr lang... glatt/gewellt

Augenfarbe: grüN

Stil: ...Rockabella

Schwarz o. Weiss?: Waaaaiiisss =)

LieblingsFarbe: Grün...Schwarz...Rot...Gelb...Blau...Weiss

LieblingsEssen: Vollkornbrot

LieblingsTrinken: Wasser

LieblingsGeschöpf: Fairy

LieblingsTier: Mietzekatze & Frettchen

Karo o. Punkte?: Beides

BadHair o. Strong?: BadHair

Gothic o. Punk?: Ska  xD

Hass.an.sich: Beine...Po...Bauch...Arme

Liebt.an.sich: Hände...Handgelenke...Face...Haare

Seid wann ist sie Pro?: ca. seid September 2oo6

Ana o. Mia?: Ana (hab aber nichts gegen Mias )

ElternBeziehung: Hasse meinen Vater... Mutter... ist sehr ok... manchmal...

Borderline?: Nein, tut mir für die leid, die darunter leiden =(

 

 

 

 

 

3.4.07 10:55


 

*** NEUSTART *** NEUSTART *** NEUSTART ***

 69 Kg   ( x ) erreicht am 2. April 2oo7

 68 Kg   ( x ) erreicht am 3. April 2oo7

 67 Kg   (  )

 66 Kg   (  )

 65 Kg   (  )

 64 Kg   (  )

 63 Kg   (  )

 62 Kg   (  )

 61 Kg   (  )

 60 Kg   (  )

 59 Kg   (  )

 58 Kg   (  )

 57 Kg   (  )

 56 Kg   (  )

 55 Kg   (  ) 

3.4.07 10:30


Ich liebe Ana...

...weil es mein Leben ist
... weil ich perfekt sein will!
... weil ich nach außen hin so aussehen will, wie ich mich innerlich fühle.
... weil ich meinen Körper meiner Seele anpassen möchte
... weil ich der Welt zeigen möchte, dass ich auch etwas kann!
... weil es alles ist was ich habe, was mich hält
... weil ich mich irgendwann verloren habe. that's it.
... weil es das Einzige ist, was ich wirklich für mich habe und wahrscheinlich das Einzige ist was ich wirklich kann...
... weil es mir den Halt gibt,den ich im Leben brauche.
... weil Perfektion immer noch an erster Stelle steht!
... weil es mir Kraft gibt und ich mich hungrig besser fühle
... weil ich endlich einmal irgendwann zufrieden in den Spiegel schauen möchte
... weil ich nach außen perfekt wirken will
... weil ich es geil finde, so zu wirken
... weil mein Spiegelbild perfekt sein soll!
... weil ich mich überlegen fühle und so stolz auf mich sein kann
... damit jeder sieht, dass ich Disziplin habe und über mich selbst herschen kann
... weil ich unverwundbar sein will - perfekt!
... damit ich nach außen hin aussehe, wie ich mich innerlich fühle: krank, schwach, verletzbar.
... weil ich ein unterdrücktes, zum sterben verurteiltes Kind bin und Ana der größte Wutausbruch meines Lebens ist.
... weil ich dadurch die Macht über mein Leben, welche man mir nie gab, bekam und nun ausüben kann.
... weil ich selbst über mich bestimme und kein anderer; das kann mir niemand nehmen.

Ich hasse Ana...

...ich manchmal erst am Abend merke, dass ich mich den ganzen Tag nur mit dem Essen beschäftigt und sonst nichts Sinnvolles gemacht habe
... sie mich in meiner Spontanität einschränkt
... sie mich oft traurig macht, weil ich gerne anderem dieselbe Wichtigkeit schenken würde, es mir aber nicht gelingt.
... ich Folgeschäden jetzt schon davontrage
... weil sie einen umklammert und nicht mehr loslässt
... WEIL ICH SO VERDAMMT ABHÄNGIG VON IHR BIN
... weil ich einsam bin.
... weil ich mich selbst nicht akzeptieren kann, wie ich bin.
... weil ich die Menschen die mich lieben belüge.
... weil es nichts anderes ist als eine weitere Lüge in einem Netz aus (zerplatzten?) Träumen und dem kindlichen, naiven Wunsch, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu bestimmen.
... weil ich nie uneingeschränktes glück empfinden kann.
... weil sie mir verwehrt hat, dass ich mich lieben lerne und weil sie die einzige ist, die mir dies zu verwehren auf Dauer weiterhin schaffen wird.
... weil sie mir meine Jugend genommen hat. l
... weil sie mir ein schlechtes Gewissen macht, wenn ich Pizza esse - obwohl sie lecker ist.
... weil ich mich Magersüchtigen gegenüber auch heute noch minderwertig fühle - weil ich damals gescheitert bin.
... weil sie mir keine Sekunde Ruhe schenkt - mich IMMER begleitet, sie mir weder Liebe noch Akzeptanz meines Körpers erlaubt, sie mich am Leben/Lieben und Genießen hindert, sie mich einschränkt, sie an meinem Körper und meiner Seele zerrt, sie meinen Liebsten noch mehr Schmerz als mir bereitet, sie mir UNGEFRAGT & immer wieder, auch die kleinsten Momente des Zufriedenseins zerstört
... weil sie mir die Luft zum Atmen nimmt, sie meinen Tag verplant ohne mich zu fragen, was ich gerne machen würde!!!
... weil sie macht was sie will und ich durch sie zur lügnerin wurde
... weil Sie über mein Leben, meine Gefühle, mein Denken und Handeln bestimmt
... weil sie mich schleichend immer mehr kaputt macht. .
... weil ich sie nicht loslassen kann, obwohl ich das Leben mit ihr so sehr hasse.
... weil ich weiß, dass es keine wirkliche Kontrolle ist, die ich habe, sondern die Krankheit mich kontrolliert.

27.3.07 09:10


Abnehmen /Anorexie

Bulimie

C-Vitamine

Diät

Erbrechen

FA (Fressanfall) /Fasten

Gewicht

Hunger

Ideal

Junge Menschen

Kalorien /Kreislauf /Kühlschrank

Laufsteg

Magersucht /Maßband

Nulldiät

Oberschenkel?

Perfektion

Qual

Rausch

Sucht /Sünde

Tabletten

Untergewicht

Vitaminmangel

Wahrnehmung /Wunschgewicht

XXS

Y???

Zunehmen

27.3.07 09:08


 

Skinnygirl. 1,74 Meter, 47 Kilo

Selten traut sich Klara aus dem Untergrund heraus. Ohne Tarnung ist sie verletzlich. Puppengerade sitzt sie da auf dem Sofa einer dunklen Großstadt-Kaffeebar, zieht hastig an der Zigarette, noch mal und noch mal. Klara ist erst 15. Es könnte ihr erstes Date sein, so nervös wie sie ist. Aber Klara ist aufgeregt, weil sie ihre Geschichte erzählt. Sie handelt von einer Website mit großen, bauchigen Buchstaben in rosa, mint und rot. Die Schrift passt zu Teenie-Träumen wie: "Hab dich lieb! Willst du mit mir gehn?" Klara aber schreibt: "Ich will nur noch eins, den ausgemergelten, anorektischen Körper, den übertriebenen Perfektionismus." Oder: "Ich will heilig werden, ich will verzichten." Oder: "Ich will Macht durch Hunger."

Sie bestellt einen großen Kaffee, schwarz. Milch wäre Sünde. Sie redet nur, weil ihr wahrer Name geheim bleibt und das Pseudonym, das sie in der Szene benutzt, auch. Denn wer Klara kennt, soll das Wichtigste nicht wissen: Dass sie eine Pro-Ana-Aktivistin ist. Ana wie Anorexia wie Magersucht. Eine von hunderten in Deutschland, tausenden in den USA, die anonym im Internet kämpfen für das Recht auf Hunger in der Welt oder zumindest im eigenen Magen. Sie benutzen im Internet alle Pseudonyme, Klara könnte dort Skinnygirl heißen. "Pro Ana ist ein Hardcore-Lifestyle", sagt Klara. "Wir sehen das als Lebenseinstellung, ständig auf Diät zu sein. Man will einfach dünn sein. Man hebt sich dadurch von den anderen ab. Man hat ein Geheimnis."

Es war in den Osterferien vor einem Jahr, als Klara begann, sich zum Skinnygirl zu wandeln. Sie besuchte ihre Cousine. Die Verwandten hatten eine moderne Waage. Klara wog sich morgens und abends und jedesmal, wenn sie aufs Klo gegangen war. Sie war fasziniert und erschüttert. Immer zeigte die Waage 58 Kilo an. "Pralinen, Schokolade, Bonbons - meine Cousine und ich waren schreckliche Naschkatzen", sagt Klara. "Ich sah ziemlich scheiße aus. Da hab ich mir vorgenommen: Du veränderst dich jetzt."

Sie hungerte, kaufte bei 53 Kilo das erste Jugendbuch über ein magersüchtiges Kind. Inzwischen stehen zehn in ihrem Regal. "Mit jedem Buch war ich faszinierter." In den Büchern fand Klara Adressen von Websites wie www.hungrig-online.de, die Magersüchtigen helfen wollen. Und dort las sie zum ersten Mal von der Pro-Ana-Szene. Wenig später gehörte sie selbst dazu: Skinnygirl, 1,74 Meter, 47 Kilo.

Wenn die Schule aus ist, die Zimmertür zu, das Modem an, wird sie aktiv. Skinnygirl hat eine eigene Homepage gebaut. Sie beobachtet die US-Szene, imitiert und kopiert. Auf ihrer Internetseite gibt es alles, was gerade angesagt ist: Hungeranleitungen, ihre Zehn Pro-Ana-Gebote, ein Pro-Ana-Glaubensbekenntnis, einen Abnehmtreff, mehrere Diskussionsforen. "Wenn du isst, trinke nach jedem Bissen einen Schluck Wasser", rät Skinnygirl. "Trinke eiskaltes Wasser, denn der Körper muss Kalorien verbrennen, um sich wieder aufzuwärmen. Sitze stets aufrecht, das verbrennt 10 Prozent mehr Kalorien! Bei dollen Bauchschmerzen roll dich zu einer Kugel zusammen, das hilft." Ihr Glaubensbekenntnis endet mit dem Satz: "Ich glaube an eine Welt, die nur aus schwarz und weiß besteht, an den Verlust von Gewicht, das Vergeben von Sünden, die Ablehnung des Fleisches und an ein Leben voller Hunger."

Die Eltern zu Hause, die Freunde, die Lehrer in der Schule sehen eine Klara, deren Gesicht spitzer geworden ist, die den Models aus der Klamottenwerbung nacheifert, sich makellos schminkt, den Bauchnabel frei trägt, enge Schlagjeans über den langen Beinen, Stöckelschuhe. Ein bisschen schnell gewachsen das Mädchen, könnte man denken. Doch Klara ist nicht gewachsen. Sie hat alles Weiche weggefastet, herausgewürgt. Das Kind in ihr starb nicht sanft, es verhungerte.

Der Vater hatte es eigentlich gut gemeint, als er Klara einen neuen PC auf den Schreibtisch stellte, einen mit Internetzugang. Möglich, dass die Mutter schon etwas ahnte damals. Denn nach Weihnachten sagte sie: "Jetzt darfst du aber nicht mehr weiter abnehmen, Klara." Doch der Vater hielt dagegen: "Sieht doch gut aus, so wie sie jetzt ist." Klaras Vater ist ein Geschäftsmann, die Mutter Pädagogin, der Bruder studiert. Von Ferne betrachtet hat Klara, was sich viele Kinder wünschen: ein aufgeräumtes Zuhause, wo es nicht an Geld fehlt und nicht an gutem Willen. Sie darf surfen, so lange sie will, Papas Firma zahlt. Doch Klara würde gerne tauschen, am liebsten sofort. "Abends", sagt sie, "sitzt jeder vor dem eigenen Fernseher." Sie muss alleine zurechtkommen mit ihren Lügen, ihrer Panik, ihrer Waage, ihrem Glaubersalz, ihrem Kotzen und ihrem verrückten Magen, der immerzu leer sein will. Klara weiß nicht, ob die Eltern etwas merken. "Wenn, dann sagen sie's halt nicht."

Trost sucht Klara draußen im Internet. Fast täglich tauscht sie als Skinnygirl im Netz zärtliche Botschaften aus mit anderen Anas, die sich Butterfly oder Kati_the_skinny oder Like_the_air oder Knochenmausi nennen.

Die Hungernden und Brechenden schreiben eine eigene Sprache, in der das Grauen Kosenamen trägt. In ihren Briefen geht es um Mia wie Bulimie, die Essbrechsucht, um Thera wie Therapie, um FA wie Fressanfall, um ES wie Essstörung. Sie senden Nachrichten wie: "Hallo Skinnygirl! Schon wieder FA gehabt. *seufz* Bin jetzt bei 52 Kilo! Werde morgen nur EINEN Apfel essen und 50 Bahnen schwimmen. Lass mal von dir hören. *knuddel* Alles liebe, deine Butterfly" Oder: "Hat von euch schon mal jemand Abführmittel ausprobiert? Kriegt man das einfach so in der Apotheke? Ratlos, Knochenmausi."

"Diese Foren sind wie eine große Familie", sagt Klara. "Die geben Halt, weil wir alle das gleiche Problem haben. Man sagt sich alles, weil man die Anonymität hat. Zu wissen, ich bin nicht die Einzige, der es so scheiße geht - das ist gut."

Seit Jahren schon denkt Klara, sie sei zu schlecht für ihre Eltern. Eine Niete in Mathe, zu schwach fürs Gymnasium, nicht wahnsinnig sportlich, kein großes Musiktalent. "Ich glaube", sagt sie, "die meisten Anas kommen aus Familien, wo hohe Ansprüche gestellt werden. Wenn man selbst nichts so richtig kann, sucht man sich halt irgendwas, welche Disziplin auch immer."

Sie will bewundert werden für ihren Körper, ihre Website. Das ist das Wichtigste. Andere Ziele spuken eher mal so, mal so durch ihren Kopf, meist gejagt von irgendwelchen Ängsten. Der Wunsch nach herausstaksenden Hüftknochen zum Beispiel. Von denen schwärmte ihr einst Knochenmausi vor, als sie auf 35 Kilo war. "Männer stehen total drauf, sich beim Sex daran festzuhalten", schwor Knochenmausi. Klara weiß nicht so recht. So "kz-mäßig superdünn" sollte die ideale Ana auch nicht aussehen, findet sie: "Man will doch stark aussehen und nicht bemitleidet werden."

Zuweilen, sagt Klara, warnt ihr Gewissen: Deine Website stiftet an! Du machst noch mehr Mädchen unglücklich! Ihr ist klar, wo das Hungern und Kotzen für viele endet - in der Klinik oder auf dem Friedhof. Sie sieht ihre Schwierigkeiten und handelt trotzdem nicht anders.

Sie hat nicht vergessen, wie sie weinend ins Bett kroch vor ein paar Monaten, weil ihre Pro-Ana-Website weg war. Einfach abgeschaltet, plötzlich. Sie stellte den Computer an, es kam nichts. Alles gelöscht. Freundschaften, Texte, Hoffnungen. Der Provider hatte den Inhalt für "gesundheitsgefährdend" befunden.

Gesund oder krank - Klara ist das eins. Sie kann sich kein sattes Leben mehr vorstellen mit Cornflakes zum Frühstück, Nudeln mittags und dann noch Abendbrot. Zu ihrem Leben gehören Skinnygirl, die Internet-Freundschaften mit den traurigen, gesichtslosen Mädchen. So hat sie noch einmal angefangen, besser getarnt, auf einer Website mit harmlosem Namen und bunter Fassade. Sie wartet auf den Tag, an dem wieder genauso viele Anas zur ihr finden wie früher, träumt von einem Klub mit geheimen Erkennungszeichen: Wenn alle Anas sich eine Kette aus weißen Glasperlen um den Hals legten, wie sie selbst, dann wüsste jede in der Schule, wer noch so dazu gehört.

Doch auch die Angst pocht immer lauter. "Es ist schwierig, dieses Scheinbild aufrechtzuerhalten", sagt Klara in der Kaffeebar. "Jeden Tag spielen: Ich bin ein ganz normales Mädchen, dem es gut geht. Keine Ahnung, wie lang ich das noch schaffe." Dann schweigt sie.

Zwei Tische weiter sitzt eine fröhlich Runde, futtert Kuchen und dick gefüllte Pfannkuchen. Andere Mädchen würden jetzt weinen. Klara starrt vorbei, macht, was sie jeden Tag übt: hart bleiben, aushalten. An ihrem Kaffee hat sie kaum genippt.

Sie kramt in der Handtasche, zieht zwei ordentlich gefaltete Zettel heraus. Es sind Gedichte, handgeschrieben mit blauer Tinte "von Klara L.". Manchmal, wenn ihr auch der Kampf als Skinnygirl verloren scheint, macht Klara den Computer aus und reimt. Zeilen und Strophen, die am Ende immer irgendwie aufgehen. Die nette Mädchenschrift würde Eltern und Lehrer bestimmt erfreuen, Klaras Botschaft nicht: "Das Mädchen schwebt empor, geradewegs zum Himmelstor. Wäre sie nicht fortgegangen, hätte sie wieder überm Klo gehangen."

Die Leute draußen sehen eine andere Klara. Ein hochgeschossenes Mädchen, das auf dem Weg zum Bahnhof in einem Klamottenladen nach Turnschuhen mit den richtigen Streifen sucht und minutenlang darüber reden kann, warum der dunkelblaue Aufdruck "Ahoi" besser ist als "Bluna" in Grün.

27.3.07 09:07


 

Meine Freundin Ana (Zeitungsartikel)

 Anorexia nervosa ist ein hässlicher Name. Wer möchte schon so heißen? Niemand. Viel zu lang, viel zu kompliziert. Da muss ein Kosename her. Etwas Einfaches und Freundliches. Ein Name, den man rufen kann, wenn man Hilfe braucht. Etwa, wenn der Weg durch den Gang im Supermarkt nicht enden will und die Hand sich schon gen Weingummi und Schokolade ausstreckt. Oder wenn außerhalb der Essenszeiten die Kühlschranktür ins Visier rückt und "öffne mich" ruft. Einfach sollte er sein und nicht zu lang: Ana. Ein hübscher Name für eine Krankheit.

Ana ist die Abkürzung für Anorexia nervosa, und Anorexia nervosa ist der Fachausdruck für Magersucht. Doch das ist Theorie. Für viele Magersüchtige ist Ana eine Freundin. Sie begreifen die Krankheit als Lifestyle. Der leichte Weg zu einem perfekten Körper: einfach nichts mehr essen. Hin und wieder erleiden sie Heißhungerattacken, dann stopfen sie wahllos alles in sich hinein, was ihnen in die Finger fällt. Aber das zwingt sie nur vorübergehend in die Knie: vor der Kloschüssel. Danach wird weiter gehungert.

Für Mediziner und Psychologen sind Magersucht und Bulimie kein Diätrezept, sondern eine Krankheit - in Deutschland gibt es laut dem Frankfurter "Zentrum für Ess-Störungen" etwa eine Millionen Opfer. Die Dunkelziffer ist groß. Für etwa 20 Prozent der Betroffenen endet sie mit dem Tod.

Die "Spiegelkinder" kann das nicht schocken. Denn sie wissen, was sie tun. In Deutschlands gleichnamigem und größtem Internetforum für Magersüchtige, Bulimiekranke und Fresssüchtige fasten sie um die Wette. Die 300 weiblichen Mitglieder sind alle zwischen zwölf und 30 Jahre alt und Teil eines geheimen Netzwerkes. Sie geben sich gegenseitig Tipps zum richtigen Kotzen, ordern per Sammelbestellung verbotene Medikamente aus den USA und ermutigen einander sich tot zu fasten - alles hinter passwortgeschützten Pforten.

Die Gründung des Forums liegt mehr als ein Jahr zurück. Am 17. März 2003 ging Marisa (alle Namen einschließlich der Pseudonyme geändert), die sich im Netz "Seraph" nennt, online. "Seraph" ist die Chefin, fast den ganzen Tag hält sie sich im Forum der Spiegelkinder auf. Leute kontrollieren, freischalten und wieder ausschließen - ihre Regeln sind hart. "Ich möchte keine Mädchen in meinem Forum, die nur mal schnuppern wollen, wie krank wir sind", schreibt sie. Nur in einem unabhängigen Chatroom will sie mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger" kommunizieren. Ein Interview am Telefon oder gar im echten Leben lehnt sie ab. Auch den Zugang zum Forum will sie nicht gewähren.

Jede Bewerberin muss ihr zunächst eine Motivationserklärung schicken. "Es kommt nur rein, wer glaubhaft versichert, sich in den Bereich des Untergewichts hungern zu wollen." Zudem gilt Anwesenheitspflicht: Wer sich länger als ein paar Tage nicht im Forum aufhält, fliegt raus. Es ist halt ein Exklusivclub.

Derer gibt es inzwischen mehrere in den unendlichen Weiten des World Wide Web. Fast wöchentlich entstehen neue Pro-Ana. Oft nennen sie sich in Anlehnung an ihr großes Vorbild, die Spiegelkinder, "Seelenkinder" oder "Muschelkinder".

Die Anonymität des Internets werde hier missbraucht, um eine Scheinwelt zu erschaffen, warnt Jan Nedoschill. Er ist Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Erlangen und Gründer des Internetforums "Hungrig-Online", das virtuell Hilfestellungen aus der Magersucht bietet. "Die Medaille hat zwei Seiten: Wir von »Hungrig-Online« kommen so an Mädchen ran, die noch nicht bereit sind für eine richtige Therapie, aber sich anonym schon mal mit der Krankheit konfrontieren." Die andere Seite seien die Pro-Ana-Foren, wo die Betroffenen sich gegenseitig hochschaukelten und jeden Kontakt zur Realität verlören.

Marisa sieht das anders. Sie ist stolz darauf, die Szene der Pro-Ana anzuführen. Ihren Job als Administratorin im Forum nimmt sie ernst - die Schule nicht. Eifrig tippen ihre Finger in die Computer-Tastatur, wenn sie auf die Fragen des "Kölner Stadt-Anzeiger" antwortet. Die 19-Jährige schreibt schnell und beinahe fehlerlos: "Meistens nehme ich zwei Finger, einer bringt´s schon gar nicht mehr." Sie meint nicht das Tippen. Zwar leidet sie unter Magersucht, aber die Bulimie spielt bei ihrem Bestreben, so schlank wie möglich zu sein, eine Helferrolle: Nach jeder Fressattacke zwingt sie ihren Körper dazu, sich zu übergeben - mit zwei Fingern, nicht mit einem.

Danach, schreibt sie, fühle sie sich elend: "Dann bete ich." Dabei könne sie am besten entspannen. Marisa betet das Glaubensbekenntnis der Pro-Anas: "Ich glaube, dass ich die wertloseste, gemeinste und nutzloseste Person bin, die jemals auf diesem Planeten existiert hat." So beginnt es, es endet mit dem Tod. Faltet sie dabei die Hände? Nein, kommt prompt die Antwort, die Hände über der Brust zu falten finde sie abartig. Die seien "Werkzeuge des Teufels". Ihr breiter Mund mit der schmalen Unterlippe passe ins Bild, er sei "das Tor zur Hölle". Nie tue er etwas Sinnvolles, nie sage er etwas Wahres.

Ehrlich, gibt Marisa zu, sei sie nur, wenn sie "Seraph" heißt - wenn sie im Forum ist. Nur hier traut sie sich, Aufmerksamkeit einzufordern. Nur im Internet fühlt sie sich sicher.

Die virtuelle Titelseite zu Marisas Reich ist schwarz: Hinter einem mit roten Rosen gespicktem Kranz aus Stacheldraht kauert ein Mädchen im Bikini. Sein Körper - ein mit Haut bespanntes Skelett. Jedes Mal, wenn sie sich einloggen, sehen die Teilnehmerinnen des Forums dieses Model und bewundern es. "Ich bin Pro-Ana", schreibt "Trauerflügelchen", "weil ich mich verabscheue, wenn ich nicht leide." Schmerzen sind ein Indikator für Erfolg. "Hunger schmerzt, aber hungern hilft", lautet eine Forumsregel.

Das Ziel ist ein Body Mass Index (BMI) unter 16. Eine Userin mit dem Nickname "Mondlicht" hat das erreicht. Im Forumsinternen Wettbewerb um den niedrigsten BMI liegt sie seit drei Monaten ungeschlagen vorn.

Sie ist einen Meter und 78 Zentimeter groß und wiegt 42 Kilogramm. Ihr BMI: 13,26. Medizinisch gesehen ist "Mondlicht" eine Todeskandidatin. Ab einem BMI von 18 beginnt man von Untergewicht zu sprechen.

Jan Nedoschill von "Hungrig-Online" kennt Extrem-Fälle wie diesen; "Meistens ist die Todesursache bei so einem Untergewicht ein Herzstillstand, wenn dem Ganzen nicht ein Selbstmord vorausgeht."

Die Spiegelkinder setzen andere Maßstäbe: "Wow, tolles Gewicht", erscheint auf dem Bildschirm. Nur "Mondlicht" selbst ist noch nicht zufrieden. Wenn sie morgens nach dem Aufstehen vor den ovalen Spiegel tritt, der über Seelenheil oder Todessehnsucht entscheidet, dann zittert sie vor Anspannung. Meistens packt sie letzteres Gefühl. Sie sieht nur Fett! Für den Moment hilft ein Trick: Sie stellt sich seitlich vor den Spiegel, auf die Zehenspitzen, - streckt die Arme nach oben und lässt den Oberkörper leicht nach hinten abknicken.

"Ich genieße diesen Anblick ein paar Sekunden lang und begebe mich dann resigniert wieder in meine Normalposition. Mein Ziel ist es, in einer normalen Position genauso auszusehen wie indergestreckten-mitall diesen Knochen und Rippen und dem nach innen gewölbten Bauch", schreibt sie.

Ihr Tipp findet schnell Anhänger. Sogar die Chefin verteilt ein Lob: "Ich probiere es auch direkt aus", tippt "Seraph" in die Tastatur. Mit den meisten Mädchen im Forum versteht sie sich blind, ein paar hat sie persönlich kennen gelernt.

"Das sind alles meine Freundinnen", sagt "Seraph", Im echten Leben, zu Hause in München, ist sie einsam. Die 19-Jährige spricht nicht über ihr Lebensmodell, jeder nicht virtuelle Kontakt bleibt für sie oberflächlich - und kann gefährlich werden. Droht sich eine Beziehung zu vertiefen, wird sie beendet. Ihr letzter Freund merkte irgendwann, dass sie kaum etwas aß, und hielt sie an endlich zuzunehmen. Er hatte seinen Einfluss überschätzt. Marisa machte Schluss.

Ihre Eltern ahnten nichts von Ana, schreibt sie, zumindest täten sie so. Auch eine beste Freundin habe sie nicht, Oder doch? Nach einer Weile tippt Marisa drei Buchstaben in die Tasten: Ana. Ach ja.

Gegen drei Uhrnachmittags wird es ruhig im Forum der Spiegelkinder. Wer jetzt noch postet, hält sich offensichtlich nicht an "Seraphs" Regeln und wird über kurz oder lang von ihr gesperrt werden.

Es ist Essenszeit. Marisa nimmt ihre normale Ration zu sich, ihr letztes Mahl für diesen Tag; eine halbe Tomate, ein Viertel Salatgurke und ein Glas fettarme Milch. Im Forum hat sie die italienische Woche ausgerufen: Im Zeichen der italienischen Flagge dürfen die Spiegelkinder nur rote, grüne und weiße Dinge essen. "Wir machen oft Mottoessen, dann ist es nicht so eintönig."

Zur "Nahrungsergänzung" schluckt sie täglich drei Stacker. Die ephedrinhaltigen Pillen beschleunigen die Verdauung und wirken appetithemmend. Marisa ordert Präparate wie diese in den USA. Teilweise sind sie in Deutschland gar nicht erlaubt. Eine monatliche Sammelbestellung, adressiert an die Spiegelkinder.

Medikamente sind im Forum das Topthema: "Elfe", die Moderatorin der Rubrik "Medizinschrank", erstellt jedem Spiegelkind seinen persönlichen Dosierungsplan. Das aktuelle Thema sind Abführmittel. "Also, wenn du noch nie AFM genommen hast, dann reichen zwei Stück. Wenn man sie allerdings jahrelang nimmt, so wie ich, dann wirkt erst 'ne ganze Dose (20 Stück)." Die ganze lange Nacht auf der Toilette kalkuliert "Elfe" selbstverständlich mit ein. "Natürlich tut das weh", antwortet sie auf die Frage eines Schützlings. Schmerz ist Trumpf und lenkt ab.

Rund ein Viertel der Mädchen hat einen oder mehrere Selbstmordversuche hinter sich. Blutig geritzte Unterarme und hamatomübersäte Oberschenkel scheinen beinahe Pflicht. Die Lebenswege der Mädchen ähneln sich. Scheidung der Eltern, Missbrauch und Vergewaltigung nehmen sehr viel Gesprächsraum ein. Die Essstörung, ob nun Magersucht, Bulimie oder eine Mischform, ist oft die einzige verlässliche Größe im Leben der Betroffenen.

"Wenn der soziale Halt weg bricht, dann wird die Krankheit zum Lebensinhalt", sagt der Sozialforscher Klaus Hurrelmann. Hurrelmann ist Projektleiter der 14. Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2002. Die Jugendstudie erscheint regelmäßig seit 1952 und gilt als Basiswerk der Jugendforschung in Deutschland. Oft hätten die betroffenen Mädchen in ihrem Leben die Erfahrung machen müssen, einer Sache ohnmächtig gegenüberzustehen, sagt der Sozialforscher. So könnten sie beispielsweise die Trennung der Eltern nicht verhindern. "Diese passive Rolle wollen sie loswerden, sie suchen nach etwas, das sie beherrschen, eine Sache, die sie aktiv lenken können." Und stoßen auf die Essstörung. Ihren eigenen Körper können sie kontrollieren. Sie haben die Macht, ihn zu verändern, ihn dicker oder dünner werden zu lassen, und sie können der Außenwelt ihre Willensstärke demonstrieren.

"Ana ist das Einzige, worüber nur ich bestimme", bestätigt "Thina". Die 25-Jährige lebt zusammen mit ihrem Freund in einer rheinischen Großstadt- Auch ihre Vita ist kein Spaziergang. Auf die Scheidung ihrer Eltern reagierte die damals 16-Jährige mit Drogen: Speed, LSD, Ecstasy "gehörten über knapp zwei Jahre zur Tagesordnung", erzählt sie. Doch nach dem Abitur habe sie sich gefangen. Sie zog zu Hause aus und nahm eine Arbeitsstelle an. Die Ana sei mehr durch Zufall denn aus der Not geboren. Fett sei sie nie gewesen.

Es fing an mit einer Art FDH. Der Erfolg beflügelte sie weiterzumachen, "Irgendwann stand ich dreimal am Tag auf der Waage und beobachtete zigmal meinen Körper im Spiegel," Das Abnehmen wurde immer wichtiger. "Thinas" Resümee klingt so: "Die Magersucht hat mein Leben bereichert. Mag sie nicht mehr missen." Applaus von der Ana-Clique.

"Seelenschwester", ein Mitglied der ersten Stunde und Moderatorin der "Kuschelecke", formuliert es ähnlich: "Ana bestimmt meinen Tag", schreibt die 21-Jährige ergeben. Jeden Tag ist sie sechs bis sieben Stunden online. Ein Vorzeige-Spiegelkind, lobt "Seraph". Ihr Studium der Psychologie verfolgt "Seelenschwester" eher sporadisch. Sie könne sich sowieso nur schwer auf das Lernen konzentrieren. Das "Nicht-Essen" fordere schon so viel Kraft. Später will sie Kindern zuhören und helfen.

Wie schwierig die Rolle der Therapeutin ist, weiß sie aus eigener Erfahrung nur zu gut. Dreimal haben ihre Eltern sie zur Kinderpsychologin geschleift. Nach jeder Vergewaltigung eine Sitzung. Seitdem, damals war sie 15, hasst sie sich. Ohne Gnade knechtet sie ihren eigenen Körper - Meistens lautlos, manchmal über der Kloschüssel. "Ich bin froh, dass ich alleine wohne, so kann ich endlich frei leben."

So braucht sie nicht mehr unentwegt die Spülung betätigen und den Wasserhahn voll aufdrehen, damit man sie nicht hört, während sie sich erbricht. Sie braucht ihre Hände nicht mehr mit Schmirgelpapier blutig reiben, weil sie anders den Geruch nach Erbrochenem nicht wegbekommt. Und es zwingt sie niemand mehr zum Essen. "Im Moment geht es mir halbwegs gut, bin nicht akut Suizid gefährdet", schreibt sie.

Es ist 17 Uhr, das Forum füllt sich wieder. "Habt ihr es schon mal woanders als zu Hause gemacht?" fragt "Thina". Spannendes Thema. Es ist alles dabei: im Stadtwald, bei Rock am Ring, im Dixieklo, im Kaufhaus, in der Uni-Auch die Stellungen werden ausgetauscht: Schließlich ist das herkömmliche Knien vor der Toilettenschüssel etwas für Anfänger, Die meisten legen sich auf den Boden und winkeln die Beine an. Mit beiden Händen und unter Zuhilfenahme der Knie drücken sie den Bauch nach innen. Immer fester.

Viele waren vorher Mias, Bulimiekranke, und schaffen nur langsam den Wechsel hinüber zu Ana. Aber auch Anas haben oft mit Fressanfällen (FA) zum kämpfen, berichtet Marisa. Die Übergänge sind oft fließend. Auf Tage a 300 Kalorien folgen Tage a 3000.

Die ausgewiesene Expertin für FA's und die Maßnahmen danach ist "gefallener Engel". Sie erklärt im Onlineseminar das selbst entwickelte Schichtungsprinzip. Erst Obst und Gemüse, damit der Magen etwas zu tun hat. Ein Ablenkungsmanöver, denn jetzt kommen die Kalorienbomben: Chips, Schokolade, Eis, Pommes, Kekse, Pizza, Weingummi. Die "bösen" Nahrungsmittel bleiben eine Weile unverdaut, und der FA kann in Ruhe genossen werden. Der Gang zur Toilette wird so ein bisschen hinausgezögert - aus bleibt er nie.

Aber aufhören soll der Kreislauf. Das Glaubensbekenntnis der Ana endet mit dem Wunsch, irgendwann nicht mehr dick, sondern perfekt zu sein. "Ich glaube, dass ich mein Seelenheil nur dadurch erlange, indem ich jeden Tag noch härter nach Perfektion strebe." Perfektion heißt, einen BMI zu haben, mit dem sich kaum mehr leben lässt. Und auch das Forum endet mit der Jenseitsecke": "Ana till the end." Der Eintrag von "Bärenkind" ist ganz frisch; "Ich will sterben und dabei unseren Ring tragen. Damit die ganze Welt erfährt, dass ich doch etwas wert war. Damit die ganze Welt erfahrt, dass ich ein Spiegelkind war."

"Leider wissen diese Mädchen nicht, dass man sie heilen könnte. Es gibt Wege aus der Krankheit, andere Wege als den Tod", sagt Jan Nedoschill. Der erste Schritt sei nicht die Behandlung einer psychischen Störung, sondern die "ganz banale Suche nach einem Hobby". Einer Sache, die den Raum einnehmen kann, den bis dato die Essstörung besetzt hielt. Nedoschill macht Mut: "Laut einer Studie der Universität Heidelberg kann die Hälfte der an Magersucht oder Bulimie erkrankten Personen vollständig geheilt werden," Marisa kann ihn nicht hören, "ich will das Ganze noch zu Ende führen", rattert sie in die Tasten. Was willst du zu Ende führen? "Na ja, die Ana bis in den Tod.

27.3.07 09:06


 [eine Seite weiter]

Mom.ent.an


Diät Abnehmen - Naschkatzen
Gratis bloggen bei
myblog.de